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Branchenreport

Gastronomie: +66,7% mehr Insolvenzen im Jahresvergleich – die am schnellsten wachsende Krise

Während Handel und Baugewerbe die Insolvenzstatistik nach absoluten Zahlen anführen, zeigt das Gastgewerbe die mit Abstand höchste Wachstumsrate: Im Jahresvergleich sind die Insolvenzverfahren um 66,7% gestiegen – von 642 auf 1.070 Verfahren. Kein anderer Wirtschaftszweig verzeichnet einen so drastischen Anstieg. Zum Vergleich: Der branchenübergreifende Durchschnitt liegt bei 37,5%.

In den letzten 30 Tagen wurden 136 neue Verfahren bei 130 Gastgewerbe-Betrieben registriert – ein weiteres Plus von 17,2% gegenüber dem Vormonat.

Die Zahlen im Überblick

Kennzahl Letzte 30 Tage Letztes Quartal Letztes Jahr
Verfahren gesamt 136 370 1.070
Betroffene Betriebe 130 318 799
Veränderung ggü. Vorperiode +17,2% +31,2% +66,7%
Bilanzsumme (kumuliert) 58,2 Mio. € 257,3 Mio. € 504,3 Mio. €

Gastronomie trägt 84% – Beherbergung bisher stabiler

Die Aufteilung innerhalb des Gastgewerbes ist eindeutig:

Teilbranche Verfahren (Monat) Anteil
Gastronomie (Restaurants, Cafés, Bars, Catering, Imbisse) 114 83,8%
Beherbergung (Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen) 22 16,2%

Die Gastronomie dominiert die Statistik mit fast 84% aller Verfahren. Die Beherbergungsbranche ist mit 16% anteilig weniger betroffen – hier wirken die Erholung des Tourismus und die Rückkehr von Geschäftsreisen offenbar stabilisierend.

Warum trifft es die Gastronomie so hart? Die Branche kämpft an mehreren Fronten gleichzeitig: explodierende Energie- und Lebensmittelkosten, Mindestlohnerhöhungen, chronischer Personalmangel und ein verändertes Konsumverhalten nach der Pandemie. Viele Betriebe haben während Corona Schulden aufgebaut, die jetzt – zusammen mit den gestiegenen Kosten – nicht mehr tragbar sind.

Berlin erstmals vor NRW – eine Besonderheit

Anders als in allen anderen Branchen führt beim Gastgewerbe nicht Nordrhein-Westfalen, sondern Berlin die regionale Statistik an:

Bundesland Verfahren (Monat) Anteil
Berlin 25 18,4%
Nordrhein-Westfalen 23 16,9%
Baden-Württemberg 18 13,2%
Bayern 13 9,6%
Hessen 13 9,6%

Berlin hat mit Abstand die höchste Gastronomiebetriebsdichte Deutschlands – und entsprechend auch die härteste Konkurrenz. Die hohen Gewerbemieten in den Innenstadtlagen, die in Berlin traditionell niedrigeren Durchschnittsausgaben der Gäste und der extreme Wettbewerb im Food-Bereich sorgen für eine besonders angespannte Lage.

Jeder fünfte Betrieb: UG (haftungsbeschränkt)

Ein auffälliges Merkmal des Gastgewerbes ist der hohe Anteil an UGs:

  • GmbH: 78,7%
  • UG (haftungsbeschränkt): 16,2%

Im Vergleich: Im Verarbeitenden Gewerbe liegt der UG-Anteil bei nur 3,1%, im Handel bei 12,4%. Der hohe UG-Anteil in der Gastronomie spiegelt die Branchenstruktur wider – viele Betriebe wurden mit minimalem Stammkapital gegründet und verfügen über geringe finanzielle Reserven. Die durchschnittliche Bilanzsumme betroffener Betriebe liegt bei nur 1,42 Mio. Euro – der niedrigste Wert aller bisher analysierten Branchen.

Verfahrensarten

Verfahrensart Anzahl Anteil
Eröffnung eines Insolvenzverfahrens 62 45,6%
Sicherungsmaßnahmen 44 32,4%
Abweisung mangels Masse 30 22,1%

Mit 22,1% Abweisungen mangels Masse liegt die Gastronomie im Mittelfeld. Im Quartal steigt dieser Wert allerdings auf 25,7% – ein Indikator dafür, dass viele der länger laufenden Verfahren in einem Totalausfall für Gläubiger enden.

Fast 90% sind Kleinstunternehmen oder kleine Betriebe

  • Kleinstunternehmen (bis 10 Mitarbeiter): 54,4%
  • Kleine Unternehmen (11–49 Mitarbeiter): 35,3%
  • Mittelgroße Unternehmen: 1,5%
  • Großunternehmen: 0,7% (1 Fall)

Die Gastronomie ist eine Branche der kleinen Betriebe – und genau diese trifft es. Mittelgroße und große Gastro-Unternehmen (Hotelketten, Restaurant-Gruppen) sind kaum vertreten, was allerdings auch an der grundsätzlichen Branchenstruktur liegt.

46 Fristen laufen in den nächsten 30 Tagen ab

Für Vermieter, Lieferanten und Dienstleister im Gastgewerbe: Aktuell laufen 46 Fristen zur Forderungsanmeldung in den nächsten 30 Tagen ab, davon 11 bereits in der kommenden Woche.

Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Das Gastgewerbe ist ein Risikobereich mit besonderem Profil – die Empfehlungen unterscheiden sich von anderen Branchen:

  • Vermieter von Gewerbeimmobilien: Gastronomie-Mieter gehören zur höchsten Risikogruppe. Überwachen Sie Ihre Mieter aktiv – insbesondere UGs und jüngere Gründungen in Berlin und NRW.
  • Lebensmittel- und Getränkelieferanten: Bei einer Ø-Bilanzsumme von nur 1,42 Mio. Euro sind die Einzelforderungen zwar kleiner, aber die Häufigkeit ist hoch. Kurze Zahlungsziele schützen.
  • Gastro-Ausstatter und Dienstleister: Prüfen Sie Ihre offenen Posten – bei +66,7% im Jahresvergleich steigt das Ausfallrisiko schneller als in jeder anderen Branche.
  • Fristen nicht verpassen: Auch bei kleineren Forderungen lohnt sich die rechtzeitige Anmeldung – 46 Fristen in 30 Tagen bedeuten fast täglich neue Deadlines.

Datenquelle: Eigene Auswertung auf Basis der offiziellen Insolvenzbekanntmachungen (insolvenzbekanntmachungen.de). Analysezeitraum: 12.01.2026 – 11.02.2026. Alle Angaben ohne Gewähr.

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